Wolfgang Wagner: Drei DNA-Stellen und die große Frage nach dem Alter
Autor des Artikels:
neotes Redaktion
Artikel veröffentlicht unter:
4. Nov 2026
Das menschliche Erbgut umfasst Milliarden DNA-Bausteine. Für eine Altersabschätzung im Blut konzentrierte sich ein Forschungsteam um Wolfgang Wagner auf gerade einmal drei ausgewählte Stellen. Der Stammzellforscher verstärkt jetzt den wissenschaftlichen Beirat von neotes.
Drei Messstellen wirken ziemlich überschaubar, wenn man etwas über das Alter eines Menschen erfahren möchte.
Und doch zeigte eine 2014 veröffentlichte Studie, dass sich aus der DNA-Methylierung an drei ausgewählten Positionen das Lebensalter von Blutspendern abschätzen ließ. Das Team um Carola Ingrid Weidner und Wolfgang Wagner untersuchte dafür insgesamt 151 Blutproben. An einem Teil entwickelte es das Modell, an den übrigen überprüfte es die Vorhersagen. Die Originalarbeit erschien in Genome Biology.
Dahinter steckt eine Idee, die die Altersforschung bis heute beschäftigt: Die Zeit hinterlässt in unseren Zellen messbare Spuren. Wenn wir diese Spuren verstehen, können wir mehr darüber erfahren, was beim Älterwerden im Körper passiert.
Wolfgang Wagner untersucht solche Zusammenhänge seit vielen Jahren. Er ist Direktor des Instituts für Stammzellbiologie an der Uniklinik RWTH Aachen und Mitgründer der Cygenia GmbH. Jetzt gehört seine wissenschaftliche Perspektive auch zum Beirat von neotes. Biografie der Uniklinik RWTH Aachen.
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Wagner · Wissenschaftlicher Beirat von neotes
Die kleinen Markierungen der Zeit
Wer an DNA denkt, hat häufig die berühmte Doppelhelix vor Augen. Für die Altersforschung ist zusätzlich interessant, welche chemischen Markierungen an bestimmten Stellen dieser DNA sitzen.
An manchen Positionen verändert sich die Methylierung im Laufe des Lebens besonders regelmäßig. Forschende können solche Muster messen und daraus statistische Altersmodelle entwickeln.
Ein solches Modell wird oft als epigenetische Uhr bezeichnet.
Der Name klingt nach einem kleinen Uhrwerk im Körper. Tatsächlich steckt dahinter eine Berechnung. Sie nutzt Muster aus Forschungsdaten, um einer neuen Probe einen Alterswert zuzuordnen.
Wagners Drei-Stellen-Studie zeigte, wie viel Information für eine bestimmte Frage bereits in einem kleinen Ausschnitt stecken kann. Entscheidend war die sorgfältige Auswahl dieser Messstellen.
Was passiert, wenn Forschende die Markierungen verändern?
Eine Uhr zu lesen ist das eine. Ihre Mechanismen zu verstehen, führt zur nächsten Forschungsfrage.
2025 untersuchte ein Team mit Wagners Beteiligung, was passiert, wenn einzelne altersbezogene Methylierungsstellen gezielt verändert werden. Die Versuche fanden unter anderem an menschlichen T-Zellen und mesenchymalen Stromazellen statt.
Dabei zeigte sich: Auch an anderen Stellen des Genoms veränderten sich Methylierungsmuster. Die Eingriffe wirkten also über die unmittelbar bearbeiteten Positionen hinaus. Das liefert Hinweise auf Zusammenhänge innerhalb dieser epigenetischen Landschaft. Die Studie wurde in Nature Aging veröffentlicht.
Für die Altersforschung steckt darin eine wichtige Unterscheidung: Wenn sich ein berechneter Alterswert verändert, ist damit allein noch keine verbesserte Zellfunktion oder längere Lebensdauer nachgewiesen. Dafür braucht es zusätzliche Untersuchungen.
Gerade deshalb ist diese Forschung so relevant. Sie beschäftigt sich auch damit, was die Zahlen biologisch bedeuten.
Mehr erfahren als eine einzelne Zahl
Auch bei der Berechnung selbst entwickelt sich das Forschungsfeld weiter. In einer weiteren Arbeit von 2025 stellte ein Team mit Wagner ein Verfahren vor, das Alterswerte über Wahrscheinlichkeiten berechnet.
Zusätzlich erfasst es, wie unterschiedlich die altersbezogenen Signale an den untersuchten DNA-Stellen innerhalb einer Probe ausfallen. Damit kommt neben dem geschätzten Alter eine weitere Eigenschaft der Messdaten in den Blick. Originalarbeit in Genome Biology, 2025.
Solche Arbeiten zeigen, wie viel hinter einem scheinbar einfachen Ergebnis steckt. Eine Alterszahl auf einem Befund ist schnell gelesen. Sie zu entwickeln und ihre Aussagekraft zu untersuchen, beschäftigt Forschungsteams über Jahre.
Wagners eigener Weg verbindet Biologie und Medizin. Nach Stationen in Bonn, Norwich und Biel sowie in Heidelberg folgte er 2009 dem Ruf nach Aachen. Aus dem dortigen Lehr- und Forschungsgebiet Stammzellbiologie und Cellular Engineering entstand 2021 ein eigenständiges Institut. Wissenschaftlicher Werdegang an der RWTH Aachen.
Mit seiner Aufnahme in den wissenschaftlichen Beirat gewinnt neotes Erfahrung aus der Erforschung epigenetischer Marker und der Entwicklung entsprechender Analyseverfahren.
Drei ausgewählte DNA-Stellen waren ein bemerkenswerter Ausgangspunkt. Die Fragen, die sich daraus ergeben haben, reichen deutlich weiter. Wir freuen uns, Wolfgang Wagner mit dieser wissenschaftlichen Erfahrung in unserem Beirat zu begrüßen.
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